Es gibt 1000 gute Gründe nicht aus der Kirche auszutreten
Bonn/Hannover. Die Evangelische und Katholische Kirche in Deutschland schrumpft weiter, und ist damit nicht die einzige gesellschaftliche Institution. Es ist an der Zeit, diesen Trend umzukehren, gerade jetzt.
Gehen oder Bleiben? Die christlichen Kirchen verlieren seit vielen Jahren Mitglieder – aus verschiedenen Gründen.
Der Kirche den Rücken zu kehren, ist einfach, dauert zehn Minuten und kostet rund 30 Euro Bearbeitungsgebühr. 600.000 Menschen in Deutschland haben im vergangenen Jahr genau das getan: einen Termin beim Amtsgericht wahrgenommen, ein Papier ausgefüllt, die Kirchensteuerzahlung eingestellt.
Dass nicht das gesparte Geld, sondern die Entfremdung der Menschen zur Kirche der Hauptgrund für viele Austritte ist, belegen Umfragen seit Langem. Aber wer entfremdet sich eigentlich von wem?
In einer Zeit, in der die Volksparteien Stimmen und Mitglieder an die AfD verlieren, Hass und Hetze in der digitalen, anonymen Welt den Ton angeben und Einsamkeit mit Selbstdarstellung konkurriert, muss sich jeder fragen: Was tue ich selbst dafür, dass die Gesellschaft nicht auseinanderfällt? Wird sich etwas zum Guten wenden, wenn sich alle der meckernden Mehrheit anschließen? Wie wäre eine Welt ohne christliche Kirchen?
Bei all den Schlagzeilen über Missbrauch, der im föderalen Konstrukt der Kirche langwierig, aber gründlich aufgearbeitet wird, darf die Wahrnehmung nicht verzerren: Kirche ist mehr als ihre Skandale. Es sind die Menschen, die dahinter stehen, Werte leben und weitergeben. Engagierte Pfarrerinnen und Pfarrer, Menschen in der Seelsorge, Bildung oder Integrationshilfe, die mit kreativen Ansätzen versuchen, Bedürfnisse der Gläubigen zu decken und neue Wege zu gehen – mit Pop-up-Hochzeiten, Segen „To go“ oder Anlaufstellen auf Festivals und Stadtfesten.
Kirche gibt Halt, wenn es existenziell wird: bei Beerdigungen, Unglücken, aber auch Hochzeiten und Geburten. Christentum wird nicht nur von der Kanzel gepredigt, sondern trägt mit 1,8 Millionen Angestellten bei Caritas, Diakonie und Co. wortwörtlich die Bereiche, die alle betreffen – von der Kita bis zum Pflegeheim. Auch wenn es Gründe geben mag, zu gehen, sollte man bedenken: Es gibt auch tausend gute Gründe zu bleiben.
RP online von Julia Rathcke
