Geistliches Wort

Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit. Jesus Sirach 1,10

Liebe Leserinnen und Leser, in manchen Bibeln finden sie auch die Apokryphen. Das sind „Spätschriften“ des Alten Testamentes. Dazu gehören die Bücher der Weisheit und Jesus Sirach. Martin Luther befand sie nur als nützlich zu lesen, darum sind sie in den meisten Lutherbibeln nicht enthalten. Die jüngeren unter den Gemeindebrieflesern werden allerdings erstaunt sein, wie viele der Sprüche in diesen Schriften ihnen bekannt vorkommen. „Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit“, diesen Spruch kennen wohl nur die Wenigsten. Vielleicht ist manchen ein Liedtext bekannt, der mir auch sofort einfiel: Die Gott lieben werden sein wie die Sonne. Darin heißt es auch: „Noch verbirgt die Dunkelheit das Licht, und noch sehen wir die Sonne nicht. Doch schon zieht ein neuer Tag herauf, und das Licht des Morgens leuchtet auf.“ Es kann schon sein, dass wir uns gegenseitig leuchten müssen oder um eine Kerze herum sitzen in diesem Winter, denn Energie könnte knapp und sehr kostbar werden. Aber der Zusammenhalt wird auch wieder gestärkt sein, in der kühleren Kirche rücken wir eng zusammen … - wenn Corona das im Winter zulässt. Liebe Lesende, das Weltgeschehen scheint mir zur Zeit mit so wenig Weisheit und Liebe gelenkt, dass ich ins Grübeln komme. Aber auch die Phase der Weisheitssprüche in der Bibel gelangte in eine tiefe Krise, die wir am deutlichsten im Buch Hiob nachlesen können. Hiob erlebte die Welt im Glauben an Gott den Schöpfer nämlich nicht voller Weisheit und Liebe, sondern voller Widersprüche. Er geriet in tiefe Zweifel über das wirkliche Wesen Gottes. Und Hiob ist bestimmt nicht der letzte gewesen, den seine Lebenserfahrungen an dem „lieben Gott“ zweifeln ließen. Gegen diese Zweifel stellte Jesus Christus den Zusammenhang zwischen Gottesliebe und Nächstenliebe: Gottesliebe und Nächstenliebe gehören zusammen. Und, liebe Leserinnen und Leser, welcher Zusammenhang besteht zwischen Liebe und Weisheit ? Ist das nicht genauso ein Widerspruch wie zwischen Glauben und Wissen ? Aus Liebe macht man nämlich oft Sachen, die der nüchterne Verstand nie zugelassen hätte. Aber was bleibt übrig, wenn die Wissenschaft immer mehr Fragen beantwortet und sich doch auch immer wieder neue, unbeantwortete Fragen ergeben. Wer nach einem Leben, dass durch Höhen und Tiefen gegangen ist, jedes Jahr neue wissenschaftliche Erkenntnisse und politische und theologische Programme erlebt hat, die fast alle den Anspruch der absoluten Weisheit hatten, der kommt irgendwann dann doch wieder zu dem Satz aus Jesus Sirach: „Gott lieben, das ist die schönste Weisheit“. Sich einfach dankbar erfreuen an seiner Schöpfung, sich dankbar freuen an den kleinen Wundern des Lebens, an freundlichen und hilfsbereiten Mitmenschen. Und einfach dankbar in eine Kirche gehen, auf Jesus sehen und mit dem Herzen seine Liebe sehen. Hand aufs Herz: Gehen sie nicht auch in einer fremdem Stadt im Urlaub zuerst in die größte Kirche und schauen, wie dort Gott geliebt wird ? Wie sich die Gottesliebe in Steinen ausgedrückt hat. Und dann schaue ich mir Heiligenfiguren oder Ikonen oder Reliquien an und denke mir im Stillen: Was nützte der ganze Streit um die Wahrheit, wie Gott richtig ist ? Und dann kann ich auch mit Jesus Sirch sagen: „Einfach Gott zu lieben, das ist die schönste Weisheit“. Das ist für junge Leute sicher zu wenig Anspruch. Aber der Zugang zur Gottesliebe ist für uns alle Jesus Christus. Er ist auch für mich der Zugang zum Wesen Gottes. Gottes Barmherzigkeit, Güte, Wahrhaftigkeit und Langmut kann ich mir nur in den Evangelien von Jesus Christus deutlich machen. Denn Jesus war ein Mensch wie wir. Sein Beispiel verstehe ich. Jetzt sitzt er zur Rechten des Vaters und erinnert Gott als unser Anwalt an sein Erbarmen. Vielleicht singen wir bald mal wieder zusammen: Gottes Liebe ist so wunderbar, oder die Gott lieben werden sein wie die Sonne.
Ihr Axel Bruning